Reformunfähig, inhuman und antiaufklärerisch?

Aktualisiert: Feb 23

Stellungnahme des Neuen Schülerkreises Joseph Ratzinger/Papst Benedikt XVI. e.V. zu einem Artikel von Ellen Ueberschär in der Herderkorrespondenz (2019) und auf katholisch.de

Das halboffizielle Internetportal „katholisch.de“ berichtete am 9. April 2019 über einen aktuellen Gastbeitrag in der „Herderkorrespondenz“ zu Äußerungen der evangelischen Theologin Ellen Ueberschär zur Katholischen Kirche. Sie bezeichnet die Kirche als strukturell „reformunfähig, inhuman und antiaufklärerisch“. Für diesen Zustand macht die frühere Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentages in Fulda Papst Benedikt XVI. hauptverantwortlich. Sie sieht die Kirche „durch den Missbrauchsskandal grundlegend infrage gestellt.“ Diesmal gehe es nicht um systemische Veränderungen in der Katholischen Kirche, sondern um das System der Katholischen Kirche selbst. Hier erhebt sich indes die Frage, inwieweit das von Jesus von Nazareth grundgelegte und apostolisch getragene „System“ der Glaubens- und Lebensgemeinschaft Kirche als solches zur Debatte steht.

Joseph Ratzinger trug zum Vaticanum II bei und bekräftigt es bis heute Bezüglich der Frage nach der „Reformunfähigkeit“ der Kirche und deren angeblichen Hintergründen bei Joseph Ratzinger zeigt ein Faktencheck: Vor und während dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-65) trat der Theologe Ratzinger konsequent für eine Erneuerung von Kirche und Theologie ein. Dazu zählen unter anderem der Offenbarungsbegriff und das Verhältnis von Offenbarung, Schrift, Tradition und Kirche, die Maßstäblichkeit des Wortes Gottes gegenüber dem Lehren und Handeln der Kirche, die Betonung der Heiligen Schrift und der Kirchenväter sowie der Exegese und ihrer verschiedener Methoden. Des Weiteren betont er die Pneumatologie und plädiert für behutsame liturgische Reformen und einen pneumatisch dynamisierten Begriff von Überlieferung, Amt, Geschichte und Geschichtstheologie. Seine Anstöße waren und sind bis heute von großer Relevanz für die Ökumene mit der Reformation und mit den Ostkirchen. Er trug wesentlich zur Erneuerung des Missionsbegriffs bei, zur Lehre von der Stellvertretung in der Communio Sanctorum sowie zur Lehre von der Kirche in einer eucharistischen Communio-Ekklesiologie und der Volk-Gottes-Ekklesiologie. Neu bestimmt der Konzilstheologe das Verhältnis von Klerus und Laien, Episkopat und Primat, Judentum und Kirche, Staat und Kirche, er kämpft für die Reform der römischen Kurie sowie der Strukturen und Methoden des Heiligen Offiziums. Damit weist sich Joseph Ratzinger hinreichend als Reformer aus.


Ein zentraler Maßstab dieser Wieder-Formierungen besteht in der frühen Kirche – sie ist die erste und damit bleibend normative sakramentale Form der in Christus grundgelegten Heilsordnung. Diese Zielvorgaben Ratzingers machte sich die Katholische Kirche im Kontext des Zweiten Vatikanischen Konzils zu Eigen und setzte sie in Lehrverkündigung und kirchlichen Lebensvollzügen um. Diesem Anliegen ist er als Theologe, als Bischof und als Papst treu geblieben. Einer kritischen Überprüfung hält der generelle Vorwurf der Reformunfähigkeit gegenüber der Kirche und Joseph Ratzinger nicht Stand. Sodann steht der Vorwurf Ueberschärs im Raum, die Katholische Kirche sei in ihren Strukturen inhuman. Dessen Pastoralkonstitution Gaudium et spes stellt eine Art katholische Magna carta eines theologisch begründeten Humanismus dar. Zu den Autoren gehört Karol Wojtyła, der spätere Papst Johannes Paul II. Seine Antrittsenzyklika Redemptor hominis (1979) verweist schon im Titel auf die Sorge Christi und der Kirche um den Menschen. Der in philosophischer Anthropologie spezialisierte Papst formuliert hier: „Der Weg der Kirche ist der Mensch“. Diese theologisch begründete Vorgabe immer neu einzulösen, ist eine bleibende Aufgabe der Kirche.

Der Bezugspunkt der Kirche ist nicht eine unbestimmte Moderne, sondern Gott und sein Wort, Jesus Christus Das Gravamen „antiaufklärerisch“ schließlich ist so alt wie die Aufklärung selbst. Entsprechend ortet Ueberschär eine „Abwesenheit jeder Gewaltenteilung“. Demgegenüber kennt die Kirche eine grundsätzlich unabhängige Gerichtsbarkeit. Die Debatte der komplexen Fragen, inwieweit das Kirchenrecht und rechtliche Strukturen weiterentwickelt werden müssen, steht noch an; sie eignet aber nicht für polemische Rundumschläge. Ratzinger selber trat schon früh für „eine unabhängige Rechtspflege und den nur so zu sichernden Rechtsschutz des einzelnen vor Verwaltung und Exekutive“ in der Kirche ein. In der aktuellen Aufarbeitung des Missbrauchsskandals ergänzen die kirchlichen Gerichte die staatliche Judikative. Generell liegen die zentralen Bezugspunkte der Kirche im Leben, Sterben und Auferstehen Jesu Christi, in der frühen Kirche und in der eschatologischen Vollendung des „neuen Himmels und der neuen Erde“, nicht im 18. Jahrhundert, unbeschadet der Bedeutung der Aufklärung. Laut Ellen Ueberschär vertrat und beförderte Kardinal Ratzinger eine „vormoderne, triumphalistische Theologie und hierarchische Kirchenstruktur“. Hier wird mit Schlagworten alles in einen Topf geworfen. Wie indes das Zweite Vatikanische Konzil in der Dogmatischen Konstitution Lumen Gentium bezeugt, besteht eine sakramentale und damit wesentlich hierarchische Kirchenstruktur, die sich in den Weiheämtern des Bischofs, des Priesters und des Diakons darstellt. „Hierarchisch“ bedeutet eben nicht „klerikalistisch“, sondern die Herleitung aus dem heiligen Anfang in der Offenbarung Gottes, die uns vorgegeben ist und die in Jesus Christus vollendet ist. Diese Struktur gehört zum Wesen der Kirche und dient ihrer Sendung und ihrem Dienst, nicht der Privilegierung einzelner Glieder der Kirche. Dass viele von Menschen gemachte Strukturen in der Katholischen Kirche eingehender Reform bedürftig sind, liegt auf der Hand. Dass aber “absolute Monarchie” für die


Kirche Jesu Christi “keine geeignete Organisationsform” ist, muss als Vorwurf gegen Ratzinger nur dem erscheinen, dem sowohl seine viele ekklesiologischen Schriften wie auch seine lebenslange Unterstützung der neuen kirchlichen Basisbewegungen völlig unbekannt sind. Joseph Ratzinger hat sich immer vom groben Wunsch nach “Demokratisierung” der Kirche zurückgehalten, wie sie im Beitrag von Ellen Ueberschär formuliert ist. In Bezug auf die eigentlichen Mechanismen der weltlichen Politik verfügt er über ein viel tieferes Verständnis, als bis heute unter Theologen zu finden ist, die diese Mechanismen naiv ins kirchliche Leben übersetzen möchten.

Das katholische Lehramt vertritt keine „triumphalistische Theologie“ sondern die Sicherheit, dass es die Kirche Jesu Christi heute gibt Der Vorwurf einer „triumphalistischen Theologie“ bezieht sich vermutlich auf das Schreiben Dominus Iesus, das die Glaubenskongregation unter ihrem Präfekten Kardinal Ratzinger herausgegeben hatte. Es formuliert in Übereinstimmung mit dem II. Vatikanischen Konzil die Glaubensgewissheit, dass die eine Kirche Gottes trotz ihrer problematischen Geschichte nicht verloren gegangen, sondern in der Katholischen Kirche konkret anzutreffen ist. Das lehramtliche Schreiben bedient somit keinen Triumphalismus, sondern bezeugt – im Ton nüchtern vorgetragen – das Wesen der Katholischen Kirche, nicht ohne die vielfältigen und kirchenbegründenden Elemente der Wahrheit und Heiligkeit in den anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften zu bezeugen. Das Schreiben ist im Zusammenhang mit Ratzingers häufigen Aussagen über den wesentlichen Dienstcharakter von Theologie, Kirche, Amt und Sendung zu betrachten: Immer wieder betont er die „Dominanz des Wortes Gottes, sein herrschaftliches Stehen über allem Reden der Menschen und über allem Tun auch der Kirche“, d. h. das Gegenteil von Triumphalismus. Diese Aussagen, die Forderung, „den Vatikan zu demokratisieren“ sowie die Forderung „echter Gewaltenteilung und Mitbestimmung von Nicht-Klerikern“ zeigen: Ellen Ueberschär zielt im Grunde auf eine systemische Umformung der Katholischen Kirche nach ihrem eigenen protestantischen Kirchenbild. Ein solches Vorgehen schadet der Ökumene. Da die hier propagierten Desiderate in den evangelischen Gemeinschaften bereits vorliegen, ist eine solche Neuformatierung der Katholischen Kirche nicht nötig und entbehrt jener bleibend gültigen theologischen und spirituellen Grundlagen, die Joseph Ratzinger als Theologe und als Papst neu aufgezeigt hat. Jesus sandte nicht den Geist der Aufklärung, sondern den Heiligen Geist. Die Kirche ist nicht nur System und Struktur, sondern wesentlich Mysterium, Sakrament der heilschaffenden Gottesgegenwart. Nicht erst durch den Missbrauchsskandal sieht sich die katholische Kirche „grundlegend infrage gestellt“. Sie ist es tatsächlich durch die Fehler, Unzulänglichkeiten und Sünden ihrer Glieder und durch die Kritik ihrer Zeitgenossen, aber vor allem und bleibend vom Anspruch des Wortes Gottes her.

Warum verbreitet eine katholische Seite einen solchen Beitrag unkommentiert?


Mit der Ökumene, zu der uns der Beitrag der Theologin Ueberschär einlädt — eine Ökumene der Polemik und der flüchtigen Verleumdung — hat freilich die Arbeit Papst Benedikts nichts zu tun. Der Dialog der Konfessionen, der heute mehr denn je erforderlich ist, kann nicht auf die Missachtung der Wahrheit gedeihen, wie sie in diesem Beitrag exemplarisch dargestellt wird. Warum katholisch.de es für sinnvoll gehalten hat, diesen peinlichen Text hervorzuheben, bleibt für uns ein Rätsel.

Neuer Schülerkreis Joseph Ratzinger / Papst Benedikt XVI. e.V.

Redaktion:

P. Dr. Daniel Eichhorn, Dr. Daniel Burns, Prof. Dr. Achim Buckenmaier

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